Warum nur 16 GB?

Von Ingo Richter

Die mickrigen 16 GB, die es beim "billigsten" iPhone als Speicher gibt, sind mindestens seit dem iPhone 5s ein Dauerthema. Mit negativer Annotation.

In diversen iPhone 6S Reviews wurden sie kritisiert und Gruber verlinkte heute eine interessante Beobachtung.

Diese Fakten gingen mir durch den Kopf:

  • Das iPhone 6S hat eine 12-MP-Kamera und die Fähigkeit 4K-Videos damit aufzunehmen.
  • 1 Minute eines 4K-Videos belegt laut Apple ca. 375 MB Speicher.
  • 100 12-MP-Fotos belegen ca. 200 MB bis 400 MB.
  • iOS 8 belegt ca. 3 GB Speicher.
  • Die meisten Games, die ich auf meinem iPhone installiert habe, belegen zwischen 100 MB und 500 MB Speicher.
  • Die billigsten iPhones haben den geringsten Speicher, und zwar 16 GB.

Auf einem iPhone 6S mit 16 GB Speicher könnte man also 5 Games, 1000 Fotos, und Videos mit insgesamt 15 Minuten Lauflänge speichern und hätte dann noch 3 GB für andere Apps wie Facebook oder für Musik.

Statt Apple zu kritisieren, fragen wir uns doch lieber: Wieso hat sich Apple für 16 GB als Einstiegsspeicher entschieden und was sind die Argumente dafür und dagegen?

Für die Käufer sind 16 GB ausreichend

Das Argument
Apple weiß viel über das Nutzungsverhalten der eigenen Kunden via Diagnose- und Nutzungsdaten und regelmäßigen Befragungen. Die deutliche Mehrheit aller iPhone-Käufer ist sehr zufrieden mit ihrem iPhone, und das schon seit Jahren. So lange die Käufer der 16 GB Variante nicht unzufrieden sind oder die Diagnosedaten zeigen, dass sie über wenig freien Speicher verfügen, bleibt Apple bei den drei Speichervarianten, beginnend mit 16 GB.

Das Kontra
Der Speicher ist ein wichtiger Faktor, aber er ist auch nur ein Faktor von vielen, die das Benutzererlebnis eines iPhone-Besitzers bestimmen. Dass 16 GB eventuell zu wenig sind, wird womöglich auch nicht in den ersten Woche klar und dann arrangiert man sich eben. Es ist ja nicht so, dass ich in den nächsten Apple Store spazieren kann um ein Upgrade zu kaufen.
Außerdem sagen die Daten von David Smith, dass jeder 6. iPhone 6 Besitzer weniger als 1 GB Speicher hat.

Vieles kann man in der iCloud speichern

Das Argument
Fotos, Musik und Videos nehmen den meisten Speicherplatz ein und können daher direkt in der iCloud gespeichert und bei Bedarf abgerufen werden. Dadurch wird auf dem Endgerät gar nicht viel Speicher benötigt.

Das Kontra
Dafür benötigt man ausreichend iCloud Speicher und das sind die kostenlosen 5 GB nicht. Zugegeben, für 1€ pro Monat kann man auf 50 GB upgraden. Trotzdem ist es nicht benutzerfreundlich, wenn man benötigte Fotos und Videos erst herunterladen muss und nicht immer hat man ausreichend Netz dafür.

Eine höhere Marge

Das Argument
Mehr Speicher bei gleichem Preis für den Käufer bedeutet weniger Marge pro verkauftem Smartphone für den Hersteller. Die Differenz zwischen den Kosten eines 16 GB und 32 GB Speicherchips dürfte bei ca. 5$ liegen. Meine Milchmädchenrechnung sieht so aus: Bei den in diesem Jahr bisher verkauften 180 Millionen iPhones summiert sich die Differenz auf ca. 300 Millionen $ (wenn wir annehmen, dass jedes 3. iPhone 16 GB Speicher hatte). Also sparte Apple möglicherweise ca. 300 Mio. $ ein.

Das Kontra
300 Mio. $ Einsparung in 3 Quartalen ist viel. Doch sind diese 0,3 Milliarden Dollar für einen Konzern, der in den besagten Quartalen ca. 43 Milliarden $ Nettogewinn erwirtschaftet hat, wirklich eine so große Einsparung? Und dabei ist meine Berechnung konservativ und sehr wahrscheinlich wird es wesentlich weniger sein.

Potentielle Käufer sollen von den 16 GB "abgeschreckt" werden und sich für das teurere iPhone-Modell entscheiden

Das Argument
Wer ein wenig Ahnung von Speichermedien hat, dem wird schnell bewusst, dass 16 GB nicht besonders viel Speicherplatz bieten. Vor die Wahl gestellt, ob 16 GB oder 64 GB, entscheiden sich viele bestimmt für den größeren Speicherplatz (wenn der Geldbeutel es zulässt). Zumindest ging es mir so.
Bei 32 GB sieht das schon ganz anders aus. Für viele Menschen reicht diese Menge aus und dementsprechend würde die Entscheidung häufiger gegen 64 GB ausfallen. Würde Apple also die Einstiegs-Speichergröße auf 32 GB erhöhen, würde dadurch nicht nur die Marge geringer, sondern man würde auch Käufer der vormals mittleren Speichergröße (64 GB) an die Einstiegs-Speichergröße verlieren.

Das Kontra
Aus einer Business-Perspektive gesehen gibt es kein Kontra. Das Argument ist geradezu genial.
Welchen Einfluss das auf die Kundenzufriedenheit hat, steht auf einem anderen Blatt. Ich persönlich hätte dieses Jahr so oder so 64 GB gewählt. Vor zwei Jahren hätten mir aber auch 32 GB gereicht und nur wegen der schlechten Lieferzeiten entschied ich mich für 64 GB. Gezwungenermaßen das teurere Modell zu kaufen, fände ich gar nicht gut.

739€ für das iPhone 6S mit 16 GB Speicher ist ein guter Preis

Das Argument
Am Ende muss man als Unternehmen vom eigenen Produkt überzeugt sein und natürlich auch vom Preis und auch in Hinblick auf die Konkurrenz. Ein iPhone für 739€ ist toll, auch wenn es nur 16 GB Speicher hat.

Das Kontra
Nur mal so zum Vergleich, dass 6 Monate alte Galaxy S6 (Samsungs Android Flaggschiff) gibt es bereits für 500€ zu kaufen und mit 32 GB Speicher.

Fazit

Apple ist ein gewinnorientiertes Unternehmen, da sind wir uns alle einig. Ich bin mir relativ sicher, dass die Entscheidung für 16 GB vor allem eine finanzielle Entscheidung ist. Trotz der häufigen Kritik, trotz des mangelhaften Nutzererlebnis, trotz der schlechten Figur im Vergleich zu anderen Smartphones.
In meinen Augen ist es eine Fehlentscheidung. Apple zockt die eigenen Kunden ab. So sehr ich das iPhone als Gesamtpaket mag, diese Tatsache kann ich einfach nicht beschönigen.

Apple, das ist unter deiner Würde. Gib uns endlich die verdammten 32 GB!