Verlobt

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Verlobt

Von Ingo Richter

Meine Wenigkeit ist so gut wie weg vom Markt, denn ich habe mich mit meiner bezaubernden Freundin Sophie verlobt. Sie ist seit Ende Januar meine Verlobte. Klingt das nicht toll? Es ist ein privates, aber auch sehr schönes Thema und deshalb einige Zeilen wert.

Der Ring

Dass es irgendwann passieren wird, wurde uns durchaus schon vor einigen Jahren klar. Mitten im Studium verlobt es sich aber nicht so schön und deshalb dauerte der Paar-Status gute fünfeinhalb Jahre.
Im Herbst 2014 habe ich mir das erste Mal konkret Gedanken gemacht und nach Ringen Ausschau gehalten. Die Auswahl hat mich überrascht und so begann ich zu zweifeln. Nicht am Vorhaben des Verlobens selbst, sondern an meinen guten Geschmack. Mag sein, dass sich eine Frau grundsätzlich über einen Ring mit Diamant freut, doch wieso sollte frau sich nur einmal freuen? Ich wollte für Sophie einen Ring finden, den sie auch nach der Hochzeit noch gerne trägt.

Schatz. Rein hypothetisch, wirklich nur mal angenommen und mit Sicherheit habe ich in den nächsten Monaten nichts geplant… aber über welche Art Verlobungsring würdest du dich am meisten freuen? ihre Augen bekamen diesen fröhlich-glasigen Blick und füllten sich zu 20% mit Tränen während sie die verschiedenen Ringtypen begutachtete. Einige konnte sie gleich ausschließen, bei anderen war sie sich nicht ganz sicher, tendierte aber zum Klassischen1.
Die Grobauswahl war getroffen und einen Termin für die Feinauswahl hatte ich mir noch nicht gemacht. In der Zwischenzeit belagerte Sophie in der Stadt sämtliche Juweliere und schaute sich dort die Ringe noch einmal genau an. Dann fand sie einen, der ihr gut gefiel. Als ich einmal mit ihr in der Stadt war, sah ich ihn mir auch an und er gefiel, obwohl nicht klassisch. Wenn er ihr gefällt und mir gefällt… gekauft!

Das Warten

Rückblickend komme ich zur Erkenntnis, dass man eine Frau, die von der Existenz eines Verlobungsring weiß, nicht länger als wirklich notwendig warten lassen sollte. Und man sollte auch Freunden nicht erzählen, dass es einen Ring gibt und man plant ihn in naher Zukunft zu überreichen. Das Ergebnis ist Unruhe und ein stetig wachsender Druck, auch bei einem selbst.

Weihnachten ist Weihnachten und da gibt es sowieso Geschenke. Wer will seine Freundin schon um ihr Weihnachtsgeschenk betrügen? Nachdem ich die Idee eines Flashmobs verworfen hatte, tendierte ich zu Silvester. Es scheiterte an der einfachen Frage: Wo den Ring verstecken? Das Gepäck teilten wir uns und am Körper tragend wäre die monströs große Schachtel aufgefallen. Am Ende war die Entscheidung, den Ring nicht mitzunehmen, weniger tragisch, denn es hätte sich kein besonderer Moment ergeben.

Der nächste Termin war ganz klassisch: Valentinstag. Wir hatten einen Wochenendetrip nach Berlin geplant und das wäre ein guter Moment gewesen. Doch ich rechnete vorher nicht mit dem oben bereits erwähnten stets größer werdenden Druck. Kurzfristig ergab sich eine Dienstreise Ende Januar und ich begann zu überlegen. Es wäre doch schade, wenn ich mit dem Flugzeug ins Meer stürze und sie nicht einmal den Ring hat.

Der Antrag

Ich kann ganz passabel Kochen und diese Fähigkeit wollte ich nun nutzen. Am Samstag vor meiner Abreise hatte sie ein Blockseminar und ich war noch bei den Eltern. Ich sagte ihr, dass ich Nachmittag zurückkomme, tatsächlich saß ich aber schon Vormittag im Zug. Es begann ein SMS-Drama. Eine knappe Stunde vor meiner Ankunft fragte ich sie, ob wir zusammen etwas essen, wenn sie (in einigen Stunden) mit dem Blockkurs fertig ist und ich dann auch "gerade" nach Halle zurückkomme. Sie sagte ja. Als ich eine Stunde später alle Zutaten zusammenkaufte schrieb sie mir, dass der Kurs zeitiger Schluss ist und sie deshalb auch deutlich eher zu Hause sein wird. Ich machte gute Miene zum bösen Spiel, freute mich für sie per SMS und erlitt in der Gemüseabteilung fast einen Nervenzusammenbruch. In weniger als einer Stunde schaffe ich das Menü niemals!

Vorspeise: Ziegenkäse auf Apfel überbacken, mit Honigsauce
Hauptgericht: Lachssteak mit Avocadocreme, Kartoffelspalten und karamellisierten Frühlingszwiebeln und Artischockenherzen
Dessert: Crème Brûlée

Mit Reisegepäck und Einkauf rannte ich nach Hause und schmiss den Herd an. Als die Crème Brûlée bereits im Ofen schmorte, kam die Entwarnung. Der Blockkurs war doch noch nicht zu Ende. Ich atmete auf, berechnete die Zubereitungszeit aller einzelnen Bestandteile des Menüs und plante die Kochreihenfolge.
Die guten SMS-Nachrichten hörten aber nicht auf. Sie verabredete sich für abends mit einer Freundin in einem Sushi-Restaurant in Leipzig. Wenn sie pünktlich nach Hause kommt, bleiben gute zwei Stunden, bevor sie sich auf dem Weg zum nächsten Essen macht. Ich lächelte und freute mich wieder für sie per SMS.

Als sie sich auf dem Weg nach Hause machte, zündete ich Teelichter an und legte ruhige Musik auf. Der Ring lag bereit, in Greifnähe. Auf das Sektglas-Klischee verzichtete ich und im Ziegenkäse musste er auch nicht versteckt sein.
Der Schlüssel drehte sich im Schloss und ich begann die Vorspeise auf dem Teller zu positionieren. Sie freute sich, war überrascht von der Stimmung in der Wohnung und hatte Hunger. Sollte ich vor dem Essen fragen oder danach oder dazwischen? Da die Vorspeise bereits auf dem Teller war und kalt zu werden drohte, wurde erst einmal gegessen.

Später sagte mir meine Verlobte, die Nervosität sei mir anzumerken gewesen und ich hätte Augenkontakt vermieden. Das mag stimmen. In ihre schönen und vor Erwartung glänzenden Augen konnte ich nicht lange hineinschauen. Als wir mit der Vorspeise fertig waren, räumte ich schnell ab und es ergab sich eine kleine Pause. Jetzt oder nie!
Ich stellte mich vor sie, sagte einige schöne Sätze, holte die Ringschachtel aus dem Versteck hinter mir, ging auf die Knie und fragte die Frage aller Fragen. Sie strahlte übers ganze Gesicht und weinte sogar etwas vor Freude, nicht vor Überraschung. Und sie sagte ja.

Das Hauptgericht war lecker und das Dessert auch. Viel Zeit blieb nicht, dann machte sie sich wieder auf dem Weg und ich widmete mich dem Abwasch.

Epilog

Traditionell soll man sich ein Jahr vor der Hochzeit verloben und ab der Verlobung mit der Planung beginnen. Leider schaffen wir das nicht, da Mitte/Ende 2015 noch ein Umzug ansteht und wir zur Zeit noch gar nicht genau wissen, wie und wo es weitergeht. Wir liebäugeln daher mit Sommer 2016.

  1. Der klassische Verlobungsring hat einen Diamant in Solitär-Fassung.